3. Hans Scholten: Konrad Heresbach. Der Humanist und die Macht.
R. G. Fischer Verlag. Frankfurt/Main 2014.

von Joachim Marzin

Im Mittelpunkt: Der Mensch

            Obst, Gemüse und Käse sollten es vom Weseler Markt sein. Die Viktualien kaufte ich und noch etwas anderes: Den Roman Konrad Heresbach. Der Humanist und die Macht von Hans Scholten. In einem feinen Weinlokal am Markt lag das schmale Buch auf dem Tisch und mehr aus Langeweile blätterte ich durch 85 Seiten. Hoffend, dass es neben dem Titelbild der Terracotta Büste Konrad Heresbach von Majke Wichner noch weitere Bilder gab. Leider Fehlanzeige. Also begann ich zu lesen und mehr und mehr folgte ich den Wegen, Handlungen und Gedanken eines großen Humanisten.

            Konrad Heresbach war auf dem Weg nach Richmond Castle vor den Toren Londons, um seine ehemalige Schülerin und vierte Frau Heinrichs VIII. (1491-1547), Anna von Kleve, zu besuchen. Um sie machte man sich am Klever Hof Sorgen wegen der verworrenen Verhältnisse nach dem Tod Heinrichs. Der verstorbene König hatte seinen minderjährigen und kränkelnden Sohn Edward zum Nachfolger erkoren und bestimmt, dass er wie seine damals zehnjährige Halbschwester Elisabeth protestantisch erzogen werde. Dagegen war die in der Erbfolge an zweiter Stelle stehende einunddreißigjährige Maria streng katholisch. Damit schienen nicht nur in England die religiösen Auseinandersetzungen unvermindert weiter zu gehen.

            Ganz Europa sei in Aufruhr, bemerkte Heresbach zu Anna. Nach dem Tod Franz I. lägen in Frankreich Katholiken wie Protestanten im Streit. In Deutschland habe der Kaiser die Protestanten besiegt und Annas Schwager, den sächsischen Kurfürsten Johann Friedrich, gefangen genommen. Heftig bestürzt und überzeugt davon, dass niemand seines Glaubens wegen unterdrückt werden dürfe, versprach Anna sich bei Hofe für ihren Schwager einzusetzen. Aber, fuhr Heresbach fort, abweichend vom Reich, wo man protestantisch lebe, wo ein protestantischer Fürst regiere und wo man katholisch sei, wo ein ein katholischer herrsche, gilt in Kleve, dass jede Kirchengemeinde nach ihrem Glauben leben darf. Dank seiner Bemühungen wurde das im Vertrag von Venlo zwischen Wilhelm V. und dem Kaiser bekräftigt.

            Entgegen seinem ursprünglichen Plan und in Begleitung eines englischen Unterhändlers mit  einer großen Summe Geldes – vielleicht Lösegeld für Johann Friedrich - reiste Heresbach heim über das habsburgische Brüssel. Trotz eines Begleitbriefes setzte ihn die Statthalterin des Kaisers, Maria von Burgund, fest und ließ ihn intensiv verhören. Zum Schluss unterbreitete man dem Klever Juristen und Theologen das Angebot, kaiserlicher Berater beim Konzil in Trient zu werden. Ohne Heresbachs Entscheidung abzuwarten, wies ihn Maria von Burgund an, „unverzüglich weiterzureisen, damit er auf dem Gut seiner Frau bei Rees landwirtschaftlicher Tätigkeit nachgehen könne.“

            Mit diesen Worten endet der Roman. Wie ich jetzt bemerkte, war dies der Rahmen, in dem die wichtigsten Handlungen und Gedanken Konrad Heresbachs gebettet waren. Anlässlich seiner zweiten Reise nach England erinnerte sich Heresbach, wie er im Sommer 1539 erstmals nach London kam, um die Heirat Annas mit Heinrich VIII. zu besprechen und vorzubereiten. Er unterhielt sich mit dem englischen König über Luther und die in Kleve praktizierte via media, einen Mittelweg zwischen Katholizismus und Protestantismus. Heinrich gefiel es, den Bürgern zu erlauben, unter Beibehaltung hergebrachter Ritten einen Glauben zu folgen, der neue Entwicklungen respektierte. Später sprach man noch über die Mitgift und die Entwicklung in Geldern, wo Herzog Wilhelm meinte, alle Rechte zu besitzen. Falls es dort zu einer kriegerischen Auseinandersetzung mit dem Kaiser komme, werde der Schmalkaldische Bund ihm zur Seite stehen.

            Heirat und Bündnis zwischen Kleve und England wurden vereinbart. Doch als Heinrich Anfang Januar 1540 Anna erstmals leibhaftig sah, war er tief enttäuscht. Die Hochzeit fand zwar statt, die Ehe wurde aber umgehend wieder aufgelöst und Anna musste als „Adoptivschwester des Königs“ fern vom Hofe leben.

            Nach den Ereignissen um Annas Hochzeit erinnerte sich Heresbach an die zahlreichen Begegnungen mit Erasmus von Rotterdam (1466/67/69-1536). Er traf ihn erstmals im Studentenverein bursa montana in Köln. Der große Gelehrte riet ihm erst Drucken zu lernen bei Johann Frobenius in Basel und anschließend in Freiburg eine Professur in Griechisch anzustreben, obwohl für Papst und Kirche Griechisch die Sprache der Ketzer war. Um sich zu vervollkommnen, studierte Heresbach noch Jura und Hebräisch in Italien, machte 1522 seinen Doktor juris in Ferrara und entdeckte dort mit Theresa Terni die Freuden der Liebe. Zurück in Deutschland empfahl ihn Erasmus als Prinzenerzieher nach Kleve, wo Heresbachs ambitioniertes Erziehungsprogramm für den dreizehnjährigen Wilhelm Zustimmung fand bei dessen Vater Johann III. und der Herzogin.

            Mit der ersten Klever Kirchenordnung von 1532 und der überarbeiteten zweiten steuerte Heresbach eine Kirche an, die weder katholisch noch protestantisch war. Dafür hatte er sich umfassend Rat eingeholt bei Humanisten in Italien und Erasmus persönlich um eine Stellungnahme gebeten. Von dessen gewundener Zustimmung war man allerdings in Kleve enttäuscht.

            Wegen der Kirchenordnung meinten die Wiedertäufer, die Kirche wie auch die Stände seien entbehrlich. Als die Schwertler, wie die gewaltbereiten Wiedertäufer hießen, 1534 einen Aufstandes in Wesel planten, wurde acht von ihnen die Köpfe abgeschlagen. Ein Jahr später wurde Münster mit massiver Unterstützung durch Klever Truppen von den Wiedertäufern befreit. Niemand werde wegen des Glaubens hingerichtet, verkündete Heresbach, sondern nur wenn er Aufruhr entfache. „Mein Fürst hat noch keinen hingerichtet, weil er Wiedertäufer war“, bekräftigte der im Heerlager vor Münster zum herzoglichen Rat Ernannte in einem Brief an Erasmus. „In unseren Nachbarländern […] wird dagegen jeder, der der lutherischen oder irgendeiner anderen Lehre anhängt, als Ketzer zur Schlachtbank geschleppt.“

            Am Neusser Vertrag 1534 zwischen den Vereinigten Herzogtümern und Kurköln sowie an den folgenden Verhandlungen in den Jahren darauf über kirchliche Organisationsfragen und die Vorbereitung des Kölner Provinzialkonzils war Heresbach beteiligt. Während der Verhandlungen ehelichte er die ehemalige Nonne und Leiterin eines Konvents, Mechthild von Duenen. Darauf hin warfen ihm die Kölner vor, dass er als Gestalter der ersten und zweiten Kirchenordnung das Gelübde von Mönchen und Nonnen bekräftigt habe, nun aber wegen Mechthild seine Meinung grundlegend geändert habe.

            Der Konflikt zwischen Franz I. und Wilhelm V. auf der einen Seite sowie dem Kaiser und Maria von Ungarn, der Statthalterin der Spanischen Niederlande, auf der anderen Seite spitzte sich 1542 entscheidend zu. Noch auf dem Reichstag zu Regensburg hatte Heresbach diplomatisch versucht, die Position seines Herzogs zu stärken. Aber am Ende der kriegerischen Auseinandersetzung stand die völlige Niederlage Wilhelms. Im Vertrag von Venlo musste Kleve den Verlust des Herzogtums Geldern und der Grafschaft Zutphen akzeptieren. Die von Heresbach vermittelte, aber nie vollzogene Ehe mit Jeanne d’Albret wurde annulliert. Stattdessen vermählte sich Wilhelm mit einer Nichte Karls V., rückte damit enger an das Haus Habsburg und musste den katholischen Glauben behalten und bewahren. Der Sieg des Kaiser über Wilhelm V. war auch ein Sieg über den Humanismus in Kleve. Johann von Vlatten (um 1498-1562) und Johann (von) Gogreve (um 1499-1554), beide Kanzler in den Herzogtümern und gelehrte Humanisten, fielen in Ungnade. Konrad Heresbach musste sich gezwungenermaßen der Landwirtschaft auf seinem Gut bei Rees widmen.

            Das ist auf vierundachtzig Seiten viel, manchmal zu viel Historie, die uns der Autor zumutet. Dennoch: Scholtens Geschichte um Konrad Heresbach bleibt verständlich und regt an, mehr über den großen Humanisten und seine Kollegen herauszufinden. Aber, und das zur Klarstellung, ein Roman bleibt fiktional, also etwas Ausgedachtes, das nicht in jedem Fall mit Tatsachen und Fakten übereinstimmen muss.

            Einige Stellen des Textes vertrügen durchaus ein Mehr an Fiktion und Fantasie, etwa bei der Charakterisierung von Personen. Wie Anna in jungen Jahren ausgesehen hat, können wir mit Hilfe von Holbeins Portrait nachvollziehen, obwohl viele Zeitgenossen sagen, dass der Maler Anna mehr verfälscht habe. Wie Anna im Alter bei Heresbachs Besuch nach Heinrichs Tod ausgesehen und sich verhalten hat, kann uns ein Autor anschaulich nahe bringen und damit die Person für den Leser begreifbarer machen. War Anna eher verhärmt und enttäuscht vom Leben oder eine humorvolle, lebenskluge Frau, die das, was Heresbach sie gelehrt hatte - und über dessen Erziehungsprogramm wissen wir sehr viel -, bewahrt und beherzigt hatte. Mehr und lebhafte Fantasie schien für den Autor, der aus Dinslaken stammt und Staats- und Verwaltungsrechtler war, in diesem Roman nicht realisierbar; vor allem dann nicht, wenn man zeitlebens den Fakten vertraut hat.

            Nichtsdestotrotz sollte gerade im Luther- und Reformationsjahr der Leser sich Hans Scholtens schmales Werk nicht entgehen lassen, um über Ereignisse und Verwicklungen, über Glauben und Religion und nicht zuletzt über einen großen europäischen Humanisten mehr zu erfahren. Das scheint auch bitter nötig, gerade weil sich eine neu gegründete und humanistisch ausgerichtete Schule in Voerde/Niederrhein den Namen eines tschechischen Pädagogen und Bischofs des 16. Jahrhunderts gibt, statt sich den ausgewiesenen Erzieher Heresbach oder einen anderen großen Humanisten aus jener Zeit und unserer Region zum Vorbild und Namensgeber zu wählen.

Hans Scholten: Konrad Heresbach. Der Humanist und die Macht. R. G. Fischer Verlag. Frankfurt/Main 2014. ISBN 978-3-8301-1607-3. 86 Seiten. 9,95 Euro

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